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SDZ - Juli 2011

Süddeutsche Zeitung am 05. Juli 2011

Süddeutsche Zeitung, Stadtausgabe München am 05. Juli 2011

Einfach dazwischengefunkt

Von Katja Riedel

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Das Bühnenschiff ist an diesem Juniabend in das Münchner Olympiastadion eingefahren: Mit Segeln, mit einem Deck, mit Landungsbrücken, über die der Kapitän später laufen wird. Das, was den Auftritt des Kapitäns Herbert Grönemeyer von den Beatles unterscheidet, hat in der Brotdose Platz: zwei Abgüsse seiner Innenohren, darin winzige Lautsprecher, dazu ein Sender und ein drahtloses Mikrofon. Sie erlauben dem Sänger, dass er das, was er singt und was seine Musiker auf und unter der Bühne spielen, an jedem Punkt der Bühne in gleicher Qualität hören kann – und dass er sich deshalb bewegen, in der Menge baden und dabei weitersingen kann.
Und Grönemeyer ist an diesem Abend nicht der einzige, der drahtlos verkabelt im Stadion unterwegs ist. Mehr als 60 solcher Funkstrecken durchkreuzen unsichtbar die Stadionluft. Wie lange sie das noch können..
..Vor gut einem Jahr hat die Bundesnetzagentur die Frequenzen von 790 bis 864 Megahertz für mehr als drei Milliarden Euro an die Mobilfunkanbieter O2, Vodafone und die Telekom versteigert. Genau jenen Frequenzbereich also, in dem die drahtlosen Mikrofone funken. Früher, bis zur digitalen Umstellung, haben die analogen Radio- und Fernsehsender die Frequenzen genutzt, seit 2005 gemeinsam mit den Mikrofonen. Nun bauen die Mobilfunker genau hier ein neues Netz auf, mit dem Long Term Evolution-Standard (LTE) sollen sie, so der Wunsch der Bundesregierung, vor allem die weißen Flecken auf dem Land verschwinden lassen: die Orte, an denen es noch kein schnelles Internet gibt, weil der Ausbau über Erdkabel und DSL für die wenigen Nutzer schlicht zu teuer ist. LTE soll Daten drahtlos schneller übertragen als UMTS, die Anbieter berichten von Spitzen bis zu 100 Megabit, die sie pro Sekunde übertragen können.

Kommen sich Mikros und LTE-Signale in die Quere, klingt das fürchterlich.

„Digitale Dividende“ nannte das Bundeswirtschaftsministerium diesen finanziellen Coup. ..und das hört sich an wie ein gigantischer Rasenmäher, der aus den Lautsprechern schallt: das Störgeräusch. Es schießt den Musikern direkt in ihre sensiblen Ohren und hat schon Künstler von der Bühne direkt ins Flugzeug getrieben. Kollegen in der Nähe von Frankfurt hatten einen solchen Rasenmäher beim dortigen Hessentag im Juni zu Gast – ein Geräusch, das
schmerzt. Es entsteht, wenn das 25-mal stärkere LTE-Signal die Mikrofone quasi aus der Bahn pustet.
Bis 2015 sollen sich Mikrofone und LTE-Geräte die Frequenzen teilen. Von 2016 an müssen gänzlich neue Bereiche für sie gefunden werden.
Je mehr LTE-Sender und -Endgeräte hinzukommen, desto weniger Platz ist für die Mikrofone: „Noch können wir ausweichen, aber das kommt alles rasend schnell auf uns zu“.. Fast alle LTE-Masten befänden sich noch im Standby-Betrieb, weil die Endgeräte fehlten. Doch in diesem Sommer gehen die Mobilfunker in die Offensive, nicht zuletzt im lukrativen Großraum München..
Die Telekom hat vergangene Woche angekündigt, allein in der Stadt mit 100 Funkmasten zu starten, die allerdings zunächst einen anderen Frequenzbereich nutzen (zwischen 1,8 und 2,6 Gigahertz) und den Mikrofonen so nicht dazwischenfunken. Denn in den Städten dürfen die Mobilfunkunternehmen die „Digitale Dividende“ erst nutzen, wenn sie das Land versorgt haben – das war eine Bedingung, um die Lizenz zu bekommen.
Deshalb wird die Telekom auch im Umland ihr LTE-Funknetz noch in diesem Jahr ausbauen – und hier im Frequenzbereich, in dem sie Mikrofone verdrängen können. Derzeit sind laut Telekom in Bayern 150 Anlagen dieser Art in Betrieb, davon 20 rund um München, etwa in Fürstenfeldbruck, Herrsching, Tutzing, Dießen, Geltendorf, Wolfratshausen, Miesbach, Anzing, Markt Schwaben, Mammendorf und Petershausen.
Ein Mast versorgt jeweils einen Umkreis von zehn Kilometern. Auch die Konkurrenz von O2/Telefonica sieht rund um München enormes Potential. Für sie war die Landeshauptstadt deshalb Testregion für städtisches Gebiet, der Raum Ebersberg für ländliches. In Steinhöring, Forsting und nahe Maithenbeth wurden Sender für die 800-Megahertz-Frequenz installiert. Und Vodafone versorgt zunächst das Land. Wann der Konzern sein wohl lukrativeres Netz in München starten wird, ist noch ungewiss.
Große Theater und Opernhäuser gibt es im Münchner Umland zwar nicht; aber auch Schulen, Kirchen, Gemeinden oder Laienspielgruppen haben längst eigene Anlagen für ihre Veranstaltungen.
700 000 Funkmikrofonstrecken gibt es deutschlandweit, hat die Deutsche Theatertechnische Gesellschaft gezählt. Sie verstärken den Ton auf Bühnen aller Art: in Theatern, bei Musicals und Freilichtspielen, aber auch auf Kirchenkanzeln, in Hörsälen, Kongresshallen und in den Sitzungssälen von Gemeinderäten. Am ehesten könnten wohl noch Bürgermeister und Pfarrer zum Draht zurückkehren.
Alle anderen müssen für viel Geld auf neue Technik umrüsten – auch weil sich die Zuschauer längst an Standards gewöhnt haben, die nur drahtlos möglich sind. Teuer ist die Umrüstung vor allem für die öffentliche Hand: Auf Kosten von mehr als einer Milliarden Euro kommen verschiedene Branchenverbände. Und viele dieser ungeplanten Ausgaben bleiben an den Ländern und Kommunen hängen.
Zwischen Bundestag und Bundesrat ist der Disput darüber, wer die Zeche zahlen soll, längst nicht ausgefochten. Die Länder haben etwa 700 Millionen Euro Entschädigung gefordert, geboten werden ihnen derzeit 124 Millionen – gekoppelt an strenge Zuschusskriterien.
Auf Bayern und besonders München mit seinen vielen Bühnen kommen hohe Investitionen zu. Große Häuser können sich technische Pannen nicht leisten und rüsten vorsorglich um. 100 000 Euro kostet der derzeit laufende technische Umbau aller drei Häuser des Bayerischen Staatsschauspiels, also Residenztheater, Cuvilliés-Theater und Marstall, lässt das Kunstministerium wissen. Abgeschlossen seien die Arbeiten am Gärtnerplatz (33 500 Euro). Die Staatsoper muss ihre erst zehn Jahre alte Anlage, die etwa 70 000 Euro gekostet hat, für 25 000 Euro umrüsten. Im Prinzregententheater kostet eine neue 60 000 Euro. Und von 2016 an kommen weitere Kosten auf die Häuser zu: Denn sie dürfen die neuen, noch zu findenden Mikrofon-Frequenzen nicht mehr frei nutzen, sondern müssen jede Strecke anmelden und jeden Einsatz bezahlen. Dafür würden von 2016 an zusätzliche Mittel in die Budgets einkalkuliert, heißt es aus dem Ministerium.
Die Stadt ist mit ihren Planungen noch nicht so weit wie der Freistaat, aber auch sie wird investieren müssen. Kammerspiele und Theater der Jugend konnten bereits einige Anlagen umrüsten, mussten andere aber ersetzen, für insgesamt 55 000 Euro. Teurer käme die Umrüstung das Deutsche Theater: Für eine Neuanschaffung kalkuliert das Kulturreferat 150 000 Euro ein, bei einem Umbau wären es 75 000 Euro. Das Volkstheater rechnet mit Kosten zwischen 15 000 und 20 000 Euro. Was die Stadt für ihre eigenen Drahtlosfunkanlagen zahlen müsste, über die der Oberbürgermeister und die Stadträte sprechen, wird derzeit noch geprüft. Auch ist unklar, ob die städtischen Bühnen zusätzliches Geld bekommen oder die Neuanschaffungen allein stemmen müssen. Bei der Haushaltsplanung dürften andere Referate mit eigenen Begehrlichkeiten dazwischenfunken.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München.
Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

APWPT: Der Beitrag wurde leicht gekürzt.

 

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